Ferienende …
25. August 2010
Nun neigt sich mit den Ferien auch das Schuljahr dem Ende entgegen. Seit längerer Zeit habe ich hier nichts mehr geschrieben, und dafür bitte ich die Leser um Entschuldigung. In den Kommentaren zum letzten Beitrag hatte es ja schon Nachfragen gegeben.
Die lange Pause hatte ihren Grund. Anfangs waren es gesundheitliche Umstände, die mich an den Wochenenden vom Schreiben abhielten. (Die meisten Beiträge, die während der Woche auf der Rückfahrt von der Schule im Zug geschrieben wurden, habe ich dann am Wochenende bei WordPress eingegeben und sie im Laufe der Woche veröffentlichen lassen. Ein paar Wochen jedoch brauchte ich diese Wochenenden, um mich im Bett zu erholen.) Als es mir dann wieder besser ging, war mir die Zeit trotzdem zu knapp. Abgesehen davon, daß einiges an Arbeit nachzuholen war, zeigte sich immer deutlicher, daß die täglich zur Arbeit zu pendelnde Strecke einfach zu groß ist. Da im Zug kein richtiges Arbeiten möglich ist, saß ich zuhause bis tief in die Nacht an meinen Schularbeiten und nutzte die langen Zugfahrten für ein Nickerchen. So blieben viele berichtenswerte Erlebnisse leider ungeschrieben.
Aber die Zeitnot war nicht der einzige Grund für ausbleibende Beiträge.
Eine mich auch persönlich kennende Leserin dieses Blogs merkte ‘mal an, daß ich sehr enthusiastisch angefangen habe, meine Texte zuletzt aber zunehmende Frustation durchschimmern ließen. Das war mir zwar bis dahin nicht aufgefallen, aber es war gar nicht so verkehrt. Ich muß zugeben, daß ich in dieser Zeit auch einfach keine Beiträge mehr schreiben mochte. Die Arbeit mit den Schülern war zunehmend durch einige ihrer Verhaltensweisen getrübt. Das waren vor allem Probleme mit der Disziplin im Unterricht: Im Laufe des zweiten Halbjahres machte sich meine fehlende Ausbildung als Lehrer doch zunehmend im Klassenverhalten bemerkbar. Aber auch einige persönliche Verhaltensweisen mancher Schüler fand ich bei aller ihnen entgegengebrachten Sympathie einfach mies. Es war eine Zeit, in der ich angesichts knapper Zeit mich in meiner wenigen freien Zeit nicht auch noch wieder damit beschäftigen wollte, was mich im Beruf geärgert hatte. Einige Blogger nutzen das Schreiben darüber auch als Ventil; ich halte den Ärger lieber aus meiner Freizeit heraus.
Diese Phase hat sich dann gegen Ende des Schuljahres glücklicherweise wieder verbessert. Es entstanden dann auch einige Beiträge, die ich gerne noch veröffentlicht hätte; wozu dann aber wieder die Zeit nicht reichte.
Noch ein weiteres Problem wurde mir deutlich: Die Wiedererkennbarkeit. Vor einigen Monaten gab es ein Scharmützel zwischen zwei juristischen Blogs. Das eine wurde von einem bekannten Rechtsanwalt betrieben, das andere von einem unerkannt bleiben wollenden Richter, der unter Pseudonym bloggte und dabei manch interessanten Einblick vermittelte. Der Richter konnte den Anwalt nicht leiden, und er kritisierte ihn oft in seinen Beiträgen; nicht immer auf eine faire Art und Weise. Der Rechtsanwalt ließ zunächst keine öffentliche Reaktion darauf erkennen; aber als es der Richter zu doll trieb, führte der Anwalt einen kurzen aber tödlichen Stich: Durch einen geschickten Schachzug fand er die wahre Identität des Richters heraus und veröffentlichte sie in seinem Blog. Das Blog des Richters ging innerhalb von Stunden offline und blieb dies für immer. All seine Fallschilderungen und Gedanken zur Entscheidungsfindung waren auf einmal ihm und seinen Verhandlungen zuzuordnen; und so etwas konnte und durfte nicht stehen bleiben.
Als Lehrer sehe ich mich in einem ähnlichen Dilemma. Es gibt da unter den bloggenden Kollegen ja auch zwei Richtungen. Herr Rau beispielsweise bloggt unter seiner wahren Identität, wofür ich ihm meine Hochachtung entgegenbringe. Seine Beiträge haben dafür dann auch eine bestimmte Charakteristik. Ganz anders dagegen Frau Freitag. Worüber und wie sie schreibt wären undenkbar, wenn Schule und Lehrerin identifizierbar wären. Ich lese beide Blogs gerne, und beide Stile und beide Vorgehensweisen (identifizierbar und anonym/pseudonym) haben ihre Berechtigung.
Ich wollte ja aus Sicht eines Biologen, also eines eigentlichen Nichtlehrers, über Schule, Schüler und Lehrer berichten. In dieser bestimmten Form halte ich es gegenüber Kollegen, Schülern und Eltern nicht wirklich für angebracht, wenn sie wissen, daß ich so etwas schreibe. Es wäre für mich also gar nicht einmal solch ein Problem, wenn unbekannte ferne Leser wüßten, wie ich heiße, wo ich wohne und arbeite; ein Problem wäre es für mich dagegen, wenn mein direktes Arbeitsumfeld davon wüßte. Und da gab es dann doch so einige Beiträge, bei denen ich mir gedacht habe, daß sich da so mancher wiedererkennen könnte. Während der gesamten Zeit, in der ich dieses Blog betrieben habe, gab es immer wieder Erlebnisse, über die ich nur zu gerne gebloggt hätte, was ich dann aber wegen des hohen Wiedererkennungswertes nicht gemacht habe. Es ist nun auch einer der Hauptgründe dafür, daß ich dieses Projekt nicht fortführe. So, wie ich berichten möchte, kann ich es nicht ungezwungen.
Der letzte Grund für die Einstellung dieses Blogs hat eigentlich von Anfang an festgestanden: ich hatte vor, das eine Schuljahr, in dem ich vertretungsweise als Lehrer eingestellt war, über diese Erfahrung zu berichten. Mein Blog war von vornherein nur für dieses eine Jahr geplant. Bereits die letzten Monate habe ich bemerkt, daß sich meine Sichtweise etwas geändert hat. Ich bin zunehmend Teil des Systems Schule geworden. Und so wie Herr Heisenberg feststellte, daß man einen Zustand nicht messen kann, ohne ihn zu verändern, so behaupte ich nun, daß man nicht etwas beobachten kann, ohne Teil davon zu werden. Der Biologe wurde mehr und mehr zum Lehrer. Viele Erkenntnisse über das Lehrerdasein gewinnt man erst, wenn man darinsteckt und selber einer ist/wird. Der ursprüngliche Titel dieses Blogs hätte im Laufe der nächsten Zeitnicht mehr dem entsprochen, worüber berichtet wird.
So schließe ich nun diesen Blog. Ich hatte mir gewünscht, bis zum Beginn der Sommerferien noch regelmäßig Beiträge zu schreiben; der oben beschriebene Zeitmangel hat leider zu einem unvermittelten Abbruch geführt, was ich nun sehr bedaure.
Meinen (wenigen) Lesern vielen Dank für einige Diskussionsbeiträge!
Wie geht es nun mit mir weiter? Der Herr Biolehrer wird bald ein „richtiger“ solcher. Ich habe jetzt eine Festanstellung an der Schule erhalten und beginne mit dem neuen Schuljahr eine berufsbegleitende Zusatzausbildung. Das ist nötig und wird hoffentlich gut.
Wenn der Hunger größer ist …
14. April 2010
… als der Zeitpuffer, den man morgens zur Verfügung hat, dann kann es passieren, daß man für das Zubereiten der Pausenbrote etwas zu lange braucht. Dann hilft es auch nicht, wenn man den Weg zum Bahnhof laufend zurücklegt; dann kann es einem passieren, daß einem der Zug vor der Nase wegfährt. Das ist nicht nur deswegen ärgerlich, weil man dann eine halbe Stunde auf dem Bahnhof herumsteht, sondern auch, weil es dann sehr knapp wird, noch rechtzeitig in der Schule einzutreffen.
So etwas blödes ist mir also passiert. Ich empfand es als doppelt ärgerlich, weil ich die 1. Stunde in meiner Chaos-8 unterrichten sollte; und da ist ein Zuspätkommen erst recht kontraproduktiv. Ich verbrachte also eine ungeduldige halbe Stunde, und die Zugfahrt selbst war auch nicht entspannend.
Dummerweise kam die Straßenbahn dann auch noch etwas später, so daß es erst recht knapp wurde. Dann grüßte mich auch noch eine Kollegin, die aus dem anderen Straßenbahnwagen ausgestiegen war. Ich überlegte: Ganz unhöflich schnell zur Schule hasten und mich nicht um sie kümmern? Ich habe wenig mit ihr zu tun; aber als sie anmerkte, daß die Straßenbahn ja Verspätung hatte, und sie es nun nicht mehr pünktlich in die Schule schaffen würde, paßte ich mich doch ihrem langsameren Tempo an.
Genau drei Minuten nach acht kam ich vor dem Bioraum an, und sah gerade noch, wie die Bio-Kollegin mit ein paar verspäteten Schülern im Nachbarraum verschwand. Ich hatte einen laut lärmenden und pöbelnden Haufen Achtkläßler erwartet; stattdessen empfingen mich Ruhe und Stille auf dem gähnend leeren Flur. Im Bioraum selbst herrschte auch Leere. Wo war meine 8. Klasse? Hatte sich die Bande aus dem Staub gemacht, als ich nicht pünktlich war?
Ich ging erstmal zum Vertretungsplan und studierte ihn. Ha! Die 8. Klasse war auf Exkursion, und ich sollte stattdessen in einer 7. Klasse Vertretungsunterricht machen. Ja super. Ich kenne die doch gar nicht. Warum stand das nicht gestern schon auf dem Plan? Ich ging zum entsprechenden Fach und suchte nach Aufgaben für den Vertretungsunterricht. Nichts zu finden. Tolle Nummer!
Als ich zehn nach acht in der 7. Klasse ankam, stand dort ein Lehrer und unterrichtete. „Willst Du übernehmen?“ fragte er mich. „Ich kann aber auch weitermachen; ist sowieso meine Stunde.“ Ich war etwas verwirrt. „Ich kenne diese Klasse gar nicht und weiß jetzt auch nicht, was ich mit denen machen sollte. Wenn Du also sowieso hier unterrichtest …“ „Das geht schon in Ordnung so,“ grinste er mich an. Irgendwie bekam ich das Gefühl, daß er sich über mich lustig machte.
Einigermaßen durcheinander ging ich zum Herrn Vertretungsplanlehrer. Der erklärte mir, daß der Kollege bis gestern noch krank gemeldet gewesen und heute unerwarteterweise doch erschienen sei.
Da ich die 2. Stunde sowieso frei hatte, saß ich dann bis nach der großen Pause im Lehrerzimmer herum. Und dafür so ein Streß frühmorgens. Aber besser so als andersrum.
Dickes Lob (III) ?
13. April 2010
Am Ende meiner Doppelstunde in einer 9. Klasse bemerkt ein Schüler zu mir:
Das war heute ein richtig interessanter Biounterricht. [Fragender Blick meinerseits] Doch, ein wirklich spannendes Thema.
Ich weiß immer noch nicht, wie ernst das gemeint war. Das Thema (Vererbung von Blutgruppen) war in der Tat etwas, wonach schon im Vorfeld sehr oft gefragt worden war. Andererseits muß ich zugeben, daß ich das didaktisch relativ mies aufgezogen hatte und keineswegs wirklich spannend gestaltet hatte. Gerade in der 9. Klasse habe ich sehr oft das Gefühl, lediglich durch das Thema punkten zu können; Menschenkunde trifft in dieser Klasse auf ein brennendes Interesse, und so lauschen die Schüler nicht selten gebannt meinem Frontalunterricht.
Manchmal denke ich mir, daß einige Klassen (vor allem meine 8. Klassen) auf Kosten anderer Klassen leben. Um die unruhige Bande überhaupt einigermaßen für den Unterricht zu gewinnen, reiße ich mir im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten (meist erfolglos und danach dementsprechend frustriert) ein Bein aus, so daß ich kaum noch Zeit für die unkomplizierten Klassen habe. Diese bekommen dann einen schlecht aufbereiteten Unterricht, und sind dann dafür noch dankbar. Oder verar… sie mich?
Zum Ferienbeginn
29. März 2010
Die Osterferien haben begonnen. Zwei Wochen lang werde ich also nicht zur Schule gehen, und in dieser Zeit gibt es auch keine Einträge hier im Blog.
Als Kontrastprogramm in dieser Zeit hier ein Link zu zwei lässigen Alten. Die haben’s drauf.
Zum Wochenende (XXI)
27. März 2010
- „Wie kommt eine gestandene Studienrätin dazu, Abi-Klausuren ihres gesamten Englisch-Kurses zu manipulieren?“
- „Schüler interpretieren die Welt anders als Erwachsene. Fakten kommen in ihren Hirnen irgendwie anders an.“
- „Die Schweinegrippe ist gekommen und gegangen – ohne Millionen Tote zu hinterlassen. Pharmakonzerne haben Milliarden auf Kosten der Steuerzahler verdient, Mediziner, Politiker und Medien stehen blamiert da.“
- „In Japan, dem Heimatland der Roboter, haben Forscher eine »lebensechte« Babypuppe entwickelt.“
- „Frühlingserwachen der Zecken-Experten“
IT und Datensicherheit (II)
27. März 2010
Zu meinem ersten Beitrag zum Thema [Update: es erschien bereits eine andere Ergänzung] gibt es eine Ergänzung: Es gibt nun „von oben“ eine Anweisung, sich an das Datenschutzgesetz des Bundeslandes zu halten. Dieses schreibt vor, daß Lehrer eine Genehmigung benötigen, wenn sie persönliche Daten von Schülern (und Eltern) elektronisch speichern und verarbeiten wollen. Diese Genehmigung muß bei der Schulleitung beantragt werden, und für die Genehmigung muß man ein paar Auflagen erfüllen.
Zunächst einmal darf man als Nicht-Klassenlehrer keine Telefon- und Adreßlisten (von Schülern und Eltern) elektronisch anlegen und speichern. Schüler- und Notenlisten (ohne Adresse usw.) sind erlaubt. Der eigene Rechner muß zumindest paßwortgeschützt sein; Verschlüsselung der Daten wird empfohlen. Falls Familienmitglieder den Computer nutzen, müssen die Daten auf einem besonderen beruflichen Nutzerkonto gespeichert werden, auf das nur der Lehrer Zugriff hat. Wenn die Daten auf USB-Sticks o. ä. transportiert werden, müssen sie verschlüsselt werden. Der Genehmigungsantrag fragt all diese Umstände ab; und die Schulleitung ließ durchblicken, daß sie die gemachten Angaben nicht überprüfen kann und wird.
Ich sehe diese Angelegenheit mit gemischten Gefühlen. Die Vorgaben des Datenschutzgesetzes befürworte ich; ich halte sie sogar für nicht ausreichend; denn für den von mir als besonders kritisch empfundenen Bereich gibt es keine Regelung: Der Versand der Daten per E-Mail ist in der Anweisung nicht einmal erwähnt! Noch immer haben es die meisten Leute nicht verstanden, daß eine unverschlüsselte E-Mail einer Postkarte entspricht, die unterwegs jeder lesen kann. Weiterhin gibt es keine Regelungen hinsichtlich der Nutzung externer Dienste, wie z. B. der Google-Dienste (angefangen bei Google-Mail bis hin zu serverseitigen Office-Anwendungen und Speicherplätzen)!.
Die Reaktionen einiger Kollegen auf diese neue Anordnung sprachen Bände. So wurde z. B. gefragt, ob man den Rechner auch mit einem Paßwort schützen müsse, wenn man in seiner Wohnung alleine lebe. (Ich hege den starken Verdacht, daß der Fragesteller auf seinem Windows-Rechner kein eigenes Benutzerkonto eingerichtet hat, sondern mit Administratorrechten arbeitet und surft.) Einige Kollegen wollen nun auf die elektronische Verarbeitung der Schülerdaten komplett verzichten. Prinzipiell die bessere Wahl bei solchen Schwierigkeiten.
Insgesamt erscheint mir diese zwar nicht neue, aber nun endlich angewandte Regelung als nicht ausreichend. Andererseits ist das ganze insofern ein Witz, als daß das lediglich für die elektronische Speicherung und Verarbeitung von Daten gilt. Meine Notenliste im papierenen Lehrerkalender interessiert die Datenschützer weit weniger und ist nicht genehmigungspflichtig. Und ich kann meine Tasche genauso irgendwo vergessen oder mir stehlen lassen wie einen USB-Stick. Letzteren habe ich wenigstens verschlüsselt; meine Tasche mit dem papierenen Lehrerkalender nicht.
Das Hauptproblem liegt in meinen Augen einfach darin, daß es für Lehrer an Schulen (im Gegensatz zu Hochschulen) keinen Arbeitsplatz gibt. An einem solchen könnten entsprechende Sicherungsmaßnahmen des Arbeitgebers greifen, und der Transport von personenbezogenen Daten von zuhause zur Arbeitsstelle wäre hinfällig. Egal ob in analoger oder digitaler Form.
Test versaut (II)
26. März 2010
Nach der Erfahrung mit den 5. Klassen wollte ich beim Bio-Test in den 8. Klassen vorsichtiger sein. Vor allem, nachdem er der ersten Klasse sehr leicht gefallen war, wollte ich nicht, daß vorab etwas in die Parallelklasse durchsickert. Ich beschloß also, den Test nicht vorzeitig zurückzugeben, und gab nur die Noten bekannt. Sonja aber bedrängte mich: „Ich habe Ärger zuhause mit meinen Eltern. Ich muß ihnen zeigen, daß ich nun einen guten Test geschrieben habe. Wenn Sie den Test noch nicht zurückgeben; können Sie mir dann nicht wenigstens eine Kopie von meinem Test machen?“ Darauf ließ ich mich natürlich nicht ein, bot ihr aber an, eine Bescheinigung über ihr Ergebnis auszustellen.
Gegen Ende der Schulstunde fragte mich dann jemand, ob die Parallelklasse eigentlich den gleichen Test bekäme. „Nein, da nehme ich Änderungen vor,“ antwortete ich. Da fuhr es aus Sonja heraus: „Dann brauche ich auch keine Kopie.“ Hatte ich mir doch gedacht …
Lieblingslehrer
24. März 2010
Während meiner Mittagspausenaufsicht kommt eine kleine Gruppe Siebtkläßler auf mich zu. So schätze ich sie jedenfalls ein; ich unterrichte Sechst- und Achtkläßler, und in beide Altersgruppen scheint mir diese Schülergruppe nicht hineinzupassen. Ich kenne die Schülerinnen und Schüler also nicht, die da auf mich zukommen. Während sich die anderen etwas abseits halten, stellt sich einer vor mich und erklärt mir:
Herr Biolehrer, ich liebe Sie. Sie sind der beste Lehrer, den ich je hatte; mein absoluter Lieblingslehrer.
Ich gucke ihn an.
Hast Du ‘ne Wette verloren?
Er grinst verlegen, während der Rest der Gruppe anfängt, leise zu kichern.
Wahrheit oder Pflicht.
Systematik der Ökosphäre (VI)
22. März 2010
Als ich im Laufe des Vormittags an der Schule ankomme, steht eine der 5. Klassen vor dem Eingang zur Sporthalle. Ein Mädchen schreit mir quer über den Platz zu:
Hallo, Herr Biolehrer! Ich bin ein Säugetier!
Na, hat die Kleine ja doch etwas gelernt.
Die Leiter
19. März 2010
Mit den Schülern meiner AG habe ich auf dem Schulgelände Nistkästen für Vögel aufgehängt. Eigentlich hätte ich dafür die Achtkläßler gut gebrauchen können, die jedoch fehlten. Die Fünftkläßler waren natürlich besonders eifrig bei der Sache. Den am höchsten aufzuhängenden Kasten haben sie aber aufgrund seiner Befestigung nicht gehandhabt bekommen. Da mußte ich dann auf die Leiter, um den Kasten in ca. 3,50 m Höhe am Baum zu befestigen.
Als der Kasten hing, wollten die Kinder sich das ‘mal „von oben“ genau ansehen. Eines nach dem anderen kletterte die von mir gehaltene Leiter hoch und genoß die Aussicht und das gute Gefühl, so hoch geklettert zu sein. Ganz begeistert stieg die „Prinzessin des Müllcontainers“ die Leiter hoch.
Mein Vater läßt mich nie Leitern hochklettern!
Da geriet ich dann ins Schwitzen.
Verletzt
19. März 2010
Als ich in der 8. Klasse die Bögen für einen Test austeilte, wies mich Kai auf seine verbundene rechte Hand hin. Er könne den Test nicht mitschreiben. „Doch, kannst Du.“ Es folgten ausführliche Erklärungen von Kai, daß da letzte Woche seine Schnittverletzung genäht worden sei, daß da die Sehne in Mitleidenschaft gezogen sei, und er diese Hand einfach nicht gebrauchen könne.
Ich selbst hatte die Verletzung erstversorgt und anschließend veranlaßt, daß sich ein Chirurg der Wunde annahm; und ich hatte auch aus sicherer Quelle erfahren, daß die befürchtete Sehnenverletzung im Krankenhaus ausgeschlossen worden war. Wohl wissend, daß jegliche Argumentation erfolglos bleiben würde, gab ich ihm noch zu verstehen, daß er diesen kleinen Test ja auch mit der linken Hand ausfüllen könne, und ein nicht ausgefüllter Test eben mit einer Sechs benotet würde. „Ich schreib’ den Test nicht mit,“ war die störrische Reaktion, und mit verschränkten Armen saß er dann genau eine Minute vor dem Blatt.
Dann bemerkte Kai, daß der Test vergleichsweise einfach war. Eine leichte Gelegenheit, eine gute Note zu erlangen. Die wollte er dann doch nicht ungenutzt lassen, schnappte sich einen Stift und füllte den Bogen aus.
Seitdem nervt er mich bei jeder Begegnung auf dem Hof oder im Treppenhaus mit der Frage, ob ich den Test schon korrigiert habe, und was er für eine Note habe.
Wird es warm?
15. März 2010
Anfang November prophezeite ich einen baldigen Kälteeinbruch: Ich hatte die Kraniche gehört. Kalt wurde es in den folgenden Wochen jedoch nicht.
Am Wochenende habe ich nun Kraniche auf dem Rückweg gehört und gesehen. Vielleicht wird es jetzt ja wieder wärmer. Eigentlich mag ich den Winter; und ich habe mich dieses Jahr sehr über den Schnee gefreut. Aber jetzt ist’s auch gut.
Zum Wochenende (XX)
13. März 2010
- „Stierkampf als Bestandteil des Unterrichts an spanischen Schulen? Zumindest in Madrid ist das künftig durchaus denkbar, denn die Regionalregierung will das umstrittene Spektakel noch in diesem Monat zum Kulturgut erklären und damit unter besonderen Schutz stellen.“
- „Der Kohl hat mit seiner wirtschafts“liberalen“ Bildungspolitik ein paar Generationen komplett Ausschuß produziert. Da hat sich das Land noch nicht wieder von erholt.“
- „Die Welt wird in nächster Zeit nicht wegen des Internet untergehen, die Kultur ist ebensowenig in Gefahr, aber auch ist niemand so von gestern, dass er das neue Internet nicht benutzen oder beurteilen könnte. […] Es ist an der Zeit, das Thema zu entmystifizieren.“
- „Umstehende Mütter greifen dann zum Handy und rufen die Polizei.“
- Interessante (aber mies aufgemachte) Pinguin-Meldung
Große Wut
12. März 2010
Zwei Achtkläßlerinnen erzählen mir, wie ein Kollege ausgerastet ist:
Erst hat der Herr Kunstlehrer einen ganz roten Kopf bekommen. Dann hat er zweimal gegen den Overhead-Projektor getreten und einmal gegen die Wand gehauen. Und dann ist er mit seinem roten Kopf aus der Klasse gerannt. Hinterher hat er sich dann entschuldigt.
Ich konnte mir das bildlich vorstellen: Erst bringt die Klasse ihn an den Rand der Verzweiflung, und dann war seine Geduld am Ende. Am amüsantesten fand ich aber immer noch die Art und Weise, wie mir die beiden Mädchen das erzählt haben.
Und dabei muß man dann noch ernst bleiben.
Morgendlicher Small-talk
12. März 2010
Frühmorgens sind wir ja alle noch nicht so richtig wach. An der Ampel vor der Schule treffe ich einen Kollegen, den ich sonst schon ‘mal in oder an der Straßenbahn treffe. Warum das an jenem Tag nicht der Fall war, erzählte ich ihm:
„Ich bin heute schon am Dingsbumsplatz ausgestiegen, weil ich noch kurz in den Supermarkt wollte.“ „Ah ja.“ „Den Rest des Weges bin ich dann zu Fuß gegangen.“ „Mit welcher Straßenbahn kommst Du denn?“ „Mit der Linie Soundso.“ „Ah ja.“ Er denkt einen Augenblick nach und fragt dann: „Und warum steigst Du dann am Dingsbumsplatz aus statt an unserer Haltestelle?“ „Weil ich noch in den Supermarkt wollte.“ „Ach, ja.“