Literatur im Bio-Unterricht
9. Februar 2010
In der 9. Klasse steht Menschenkunde auf dem Lehrplan, und ich habe mich mit dem Blut lange aufgehalten; u. a. auch deswegen, weil ich Infektionen und Immunsystem in diesem Zusammenhang behandelt habe (war ja auch gerade aktuell: Schweinegrippe usw.). Zwecks interessanten und abwechslungsreichen Unterrichts hatte ich ein Experimentier-Set bestellen lassen. Noch vor Weihnachten bestellt, war es zwei Wochen nach den Ferien immer noch nicht da. Zunächst einmal konnte ich eine Stunde mit einem Film füllen; eine BBC-Dokumentation über Infektionskrankheiten; das paßte zum gerade abgeschlossenen Thema Immunsystem und Infektionen. Als in der nächsten Woche mein Experiment immer noch nicht da war, wurde es eng. Bei diesem Test-Set mit künstlichem Blut können die Schüler das Verklumpen beim Mischen der unterschiedlichen Blutgruppen nachvollziehen und selbst Überlegungen zur Blutgruppenzugehörigkeit durchführen. Ohne diesen Versuch wollte ich mit dem Thema Blutgruppen ungern beginnen.
Mir fiel trotzdem etwas abwechslungsreiches und auflockerndes, dennoch zum Thema passendes ein. Ich kopierte einige Seiten aus „Dracula“ von Bram Stoker (1897), die wir dann im Unterricht gemeinsam gelesen haben. Da gibt es eine sehr schöne Passage, in der Prof. van Helsing der durch Blutverlust geschwächten Patientin das Blut ihres Verlobten überträgt. Literarisch sehr schön beschrieben; dazwischen das Rätselraten um den Grund des starken Blutverlustes (der Leser ahnt ihn bereits). Interessant auch das medizinische Beiwerk dieses Abschnittes; einerseits der Wissensstand der damaligen Zeit (in der die Blutgruppen noch unbekannt waren!), andererseits das medizinische Halbwissen des Autors, der sicherlich nicht immer den damaligen Wissensstand korrekt widergibt.
Als Vorbereitung auf das Thema Blutgruppen und Transfusionen war der Text gut geeignet und bot ‘mal etwas anderes.
Dann ging Van Helsing schnell und sicher an die Arbeit. Bereits während der Transfusion schien eine Spur von Leben in Lucys Wangen zurückzukehren, und durch die zunehmende Blässe von Arthur hindurch schimmerte seine Freude über den Erfolg. Nach einer Weile wurde ich unruhig, denn trotz Arthurs kräftiger Natur hinterließ der Blutverlust bei ihm seine Spuren. Das gab mir eine Vorstellung davon, was Lucys Körper gelitten haben mußte, denn obwohl Arthur bereits geschwächt war, konnte sie sich nur teilweise erholen. Aber der Professor verzog keine Miene. Mit der Uhr in der Hand blickte er abwechselnd auf die Patientin und dann auf Arthur. Ich konnte mein eigenes Herz schlagen hören. Schließlich sagte er mit sanfter Stimme: »Bleiben Sie einen Augenblick ganz regungslos. Es ist genug. Kümmern Sie sich um ihn, ich um das Mädchen.« Nachdem nun alles vorbei war, konnte ich sehen, wie erschöpft Arthur war. Ich verband seine Wunde und wollte ihn aus dem Zimmer führen, als Van Helsing — der Mann scheint selbst im Hinterkopf noch Augen zu haben — ohne sich umzudrehen sagte:
»Der tapfere Bräutigam verdient, glaube ich, noch einen Kuß.« Da er seine Tätigkeit beendet hatte, richtete er noch das Kissen unter Lucys Kopf zurecht. Dabei verschob sich das schmale Samtband, das sie immer um den Hals trug und das von einer antiken Diamantenspange zusammengehalten wurde, einem Geschenk ihres Bräutigams. Auf ihrem Hals aber zeigte sich jetzt eine rote Stelle.
Aus dem Englischen von Karl Bruno Leder, insel taschenbuch 1086 (1988)
Wo ich gerade dabei bin: Auch wenn es sich (anders als „Dracula“) nicht im Unterricht einsetzen läßt, kann ich aus biologisch-medizinischer und nicht zuletzt ethischer Sicht folgende weitere Werke sehr empfehlen: Mary Shelleys „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ (1818) sowie Robert Louis Stevensons „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ (1886) sind sehr lohnenswerte Lektüren. Wäre ich Englischlehrer, stünden sie auf meinem Plan. Lesen Sie diese Bücher ruhig ‘mal; die literarischen Vorlagen sind in meinen Augen generell besser als ihre bekannten filmischen Umsetzungen.
Tierisch guter Unterricht?
8. Februar 2010
In den 5. Klassen hat mich ein Mädchen über Monate hinweg mit der Frage genervt, ob es ‘mal seine Mäuse mitbringen dürfe. Ich habe es immer wieder vertröstet; das passe jetzt nicht ins Thema (Zellbiologie, später Evolution), aber bald ‘mal, wenn es um Säugetiere gehe.
Das war nun soweit; ich habe mit den Kindern Anpassungen an verschiedene Lebensräume und Lebensweisen besprochen, quasi als Fortsetzung des Themas Evolution. Von diesem hatte ich nahtlos übergeleitet, indem ich kurz Amphibien und Reptilien (ich lege übrigens auch Wert auf die deutschen Begriffe Lurche und Kriechtiere) und ihre Anpassungen beim Weg vom Wasser- zum Landleben besprochen hatte. Nun also die Säugetiere, und diesbezüglich hatte ich mich zunächst ihren typischen und für die Kinder verständlichen Merkmalen zugewandt: Fell, Geburt lebender Junger statt Eierlegen, Säugen der Jungen mit Milch. Auch die Ausnahmen der urtümlichen eierlegenden Schnabeltiere und Schnabeligel kamen vor; davon hatten auch einige Schüler schon gehört. Anhand einer bestimmten Säugetiergruppe, den Insektenfressern, hatte ich dann etwas detaillierter Anpassungen an ihre Lebensweise dargestellt: Maulwürfe und ihre ganz besonderen Anpassungen an das unterirdische Leben und Igel mit ihrem Stachelkleid. Auch Fledermäuse mit ihrem Flugvermögen waren reizvoll, auch wenn sie mit den Insektenfressern nur nah verwandt sind.
Um zu einer weiteren Gruppe von Säugetieren überzuleiten, boten sich die Mäuse an: Das sind waschechte Nagetiere (anders als die ebenfalls zu den Insektenfressern gehörenden Spitzmäuse); daran könnte ich also einiges erklären und demonstrieren; und für die Fünftkläßler wären lebende Tiere statt der Präparate aus unserer Sammlung sicherlich auch ‘mal interessant.
Ich sagte dem Mädchen also zu, daß es an dem bestimmten Tag seine Mäuse mitbringen dürfe. Das sprach sich schnell in der Klasse herum, und andere Schüler fragten nach, ob sie auch ihre Tiere mitbringen dürften. Ich gestattete (passend zum Thema) das Mitbringen von Nagetieren (Meerschweinchen, Hamster) und Kaninchen; Hunde abzulehnen stieß auf nur wenig Widerstand, und andere Tiere wünschten die Kinder nicht mitzubringen. Desweiteren machte ich im Interesse der Tiere zur Bedingung, daß sie von den Eltern mit dem Auto gebracht werden und nicht von den Kindern zu Fuß oder mit dem Bus in die Schule gebracht würden.
Dennoch betrachtete ich das ganze dann als ein gewagtes Experiment; und ich war auf den Ablauf gespannt.
Der Ablauf dieser Doppelstunde läßt sich mit einem Wort beschreiben: chaotisch!
Ich hatte die Klasse zu Beginn des Unterrichts mehrmals und eindringlich um Ruhe gebeten und das auch mit den Tieren und ihrer Angst begründet. Nutzlos. Die eine Hälfte der Klasse war mit den Tieren beschäftigt: die eigenen Tiere streicheln, füttern, den Mitschülern zeigen; die Tiere der Mitschüler zu streicheln versuchen; den Mitschülern Fragen zu ihren Tieren zu stellen. Die andere Hälfte war damit beschäftigt, sich über die Tierbesitzer und ihr Verhalten im Unterricht zu ereifern; mich dafür zu kritisieren, daß sie ihre Hunde nicht mitbringen durften; sich gegenseitig zu ärgern und Unfug zu machen (der Lehrer war ja an tausend anderen Fronten beschäftigt).
Was die Tiere anging, so gab es ein etwas ängstliches Kaninchen; das andere und mehrere Meerschweinchen (die ursprünglich geplanten Mäuse waren witterungsbedingt doch zuhause geblieben) ließen das ganze jedoch einigermaßen stoisch über sich ergehen. Die sind vermutlich von zuhause aus schon so einiges gewohnt …
Ein kleines bißchen konnte ich an den Tieren erklären: Ein Meerschweinchen war so entspannt, daß ich an ihm die Nagetierzähne zeigen konnte. Der Unterschied zu den Insektenfressern war also deutlich sichtbar. Viel mehr brachte der Einsatz der lebenden Tiere aber nicht; das war ein ziemlicher Schuß in den Ofen. Wenn ich nun noch das Chaos im Unterricht berücksichtige, hat es relativ wenig gebracht. Irgendwann schnappte ich zwar ‘mal ein „der schönste Unterricht überhaupt“ auf; aber das kann ich so nicht bestätigen. Und nicht zuletzt war das aus tierschützerischer Sicht eine ziemlich grenzwertige Veranstaltung. Grundsätzlich würde ich es den Kindern ja gönnen, ‘mal eine Doppelstunde entspanntes und lockeres Tierestreicheln- und -gucken durchzuführen. Im Interesse der Tiere kann ich das aber nicht wirklich verantworten. Es war ein Experiment. In den Parallelklassen werde ich es nicht wiederholen. Da muß dann leider eben weiterhin die „halbe Ratte“ herhalten.
Zum Wochenende (XV)
6. Februar 2010
- »Perlen im Netz — Ausgewählte Internetseiten für Schule und Unterricht« (PDF)
(Leider nichts für Biologie und mein zweites Fach)
- „Mit dem neuen Gerät können die Schüler ihre Fingerabdrücke jedesmal wenn sie die Messe besuchen elektronisch hinterlassen.“
- „So würden Kinder heute mehr Handy-Klingeltöne als Vogelstimmen, mehr Automarken als Wildblumen kennen.“
- „Bekämen wir eine Auszeichnung vom Staat, wenn wir den Leuten nur engagiert genug einreden würden, dass die Erde eine Scheibe ist, die auf einer riesigen Schildkröte durch das Weltall fliegt?“
- „Bildung und Forschung wären unsere einzige Überlebenschance.“
- „Quietschen ist Mädchen.“
Streikopfer
6. Februar 2010
Nachdem ich mit der Eisenbahn in der Großstadt angekommen war, erfuhr ich über das Display an der Straßenbahnhaltestelle, daß die Verkehrsbetriebe bis 06:30 Uhr einem Warnstreik ausgesetzt waren und die Straßenbahnen daher noch sehr unregelmäßig verkehrten. Nun gut, ich mußte erst zur zweiten Stunde unterrichten und war früher unterwegs, weil ich für meine AG noch einige Blätter laminieren wollte. Wie das so ist, wenn man einen ausreichenden Zeitpuffer hat, ging alles glatt, und nach wenigen Minuten kam schon eine Straßenbahn und ich somit pünktlich zur ersten Stunde in der Schule an.
Einem Kollegen ging es da schlechter: Als ich das Laminiergerät aufheizte, klingelte das Telefon. Das Laminiergerät steht im Büro des Lehrers, der den Vertretungsplan organisiert (also neben der Schulleitung einer der ganz wenigen Lehrer mit Büro, weswegen das Gerät dort auch deponiert ist). „Nein, so ‘was. Das ist jetzt aber schlecht,“ sagte der Vertretungsplanlehrer, „da kann ich jetzt nichts machen. Ich habe niemanden mehr frei, keiner da.“ Ich machte eine falsche Bewegung mit meinen Laminierfolien. „Nein, warte ‘mal, hier steht der Herr Biolehrer neben mir und scheint nichts zu tun zu haben; warte ‘mal … Herr Biolehrer, du hast doch die erste Stunde frei, kannst du in die 5. Klasse gehen, der Herr Deutschlehrer kann nicht rechtzeitig in die Schule kommen; seine Straßenbahn fährt nicht.“ „Grummelbrummel, aber ich will doch laminieren …“ „Ach, was! Stell dich nicht so an; die Klasse ist jetzt alleine. Geh dahin und mach ‘was mit denen.“
Also Laminiergerät wieder ausgestellt. Ich war etwas mißmutig. Ich hatte schon einmal in einer 5. Klasse völlig unvorbereitet Vertretung gemacht; und es war das totale Chaos gewesen. Fieberhaft überlegte ich, was ich mit denen machen könnte. Warum eigentlich nicht meinen normalen Unterricht? War diese Woche wegen des Lernmethodik-Tags sowieso ausgefallen. Die Schüler hatten zwar nicht ihre Bio-Sachen dabei, aber das war doch eher ein kleines Problem. Ich ging also schnell in die Biologie und holte dort eine „halbe Ratte“ und einige Kieferknochen ab. Die „halbe Ratte“ ist eine präparierte Ratte, bei der die eine Hälfte wie bei einem ausgestopften Tier den Körper mit Fell zeigt, die andere Seite aber das Skelett darstellt. Solch ein Präparat haben wir auch von einem Maulwurf, und daran hatte ich den Schülern bereits die Insektenfresser erklärt. Nun also die Nagetiere und die Unterschiede zu den Insektenfressern.
In der 5. Klasse angekommen, war das Hallo groß. Ob der Herr Biolehrer dort mehr Sympathie besitzt als der Herr Deutschlehrer?
Wider Erwarten war der vertretungsweise (und im Klassenraum statt im Bioraum) abgehaltene Unterricht ein voller Erfolg. Die Schüler fügten sich ohne Murren in die Stundenplanänderung, und in der einen Stunde schafften wir fast soviel Stoff wie sonst in meinen Doppelstunden. Das war wirklich erstaunlich. Die verlorene Doppelstunde also gut wieder aufgeholt.
Das versöhnte mich mit dem widerwillig übernommenen Vertretungsunterricht.
Meine AG-Blätter laminierte ich dann in der Mittagspause.
Als ich spätnachmittags um 17:00 Uhr wieder nach Hause fahren wollte, hatten die Verkehrsbetriebe sich immer noch nicht von dem Warnstreik erholt. Der Fahrplan war so richtig schön durcheinander, und am Bahnhof fuhr mir dadurch mein Zug vor der Nase weg. Wo war das Problem, nach einem um 06:30 beendeten Streik bis 17:00 wieder den Fahrplan einzuhalten? Ich war heute schließlich auch flexibel gewesen.
IT an der Schule: Weitere Beobachtungen
6. Februar 2010
Als Ergänzung zum Beitrag IT und Datensicherheit an der Schule gibt es ein paar weitere Beobachtungen.
Zum Halbjahresbeginn gab es einen Lernmethodik-Tag, an dem den Schülern etwas Methodik beigebracht werden sollte. Mir wurde eine Gruppe aus der 12. Stufe zugeteilt, deren Auftrag darin bestand, einen Wikipedia-Artikel zu verfassen. Dazu gehörte auch die entsprechende Recherche über die Anforderungen an einen solchen Artikel, das Heranziehen und Anführen geeigneter Quellen usw.
An sich eine gute und gerade auch im Hinblick auf die Methodik sinnvolle Aufgabenstellung. Für die Praxis taten sich schon bei meinen Vorüberlegungen einige Fragen auf: Welches Thema ist denn noch nicht in der Wikipedia behandelt, so daß man dazu noch (außerhalb der Wikipedia) Recherche betreiben kann? Weiterhin sinkt die Motivation ja auch gewaltig, wenn es einen Artikel zu dem Thema bereits gibt. Als mögliches Thema nannte mir der Organisator des Lernmethodik-Tages einen Artikel über die Schule selbst, die sei bisher nicht in Wikipedia vertreten. Naja, dachte ich; Adminpedia und die berüchtigten Löschdiskussionen um Relevanz … Mehr als diesen Auftrag und den Tip mit dem Artikel über die Schule bekam ich nicht.
Während die Lehrer für alle anderen Klassenstufen detaillierte schriftliche Arbeitsaufträge und für ihre Schüler kopierte Arbeits- und Anleitungsblätter erhielten, gingen wir vier Kollegen, die die 12. Stufe und den Wikipedia-Auftrag hatten, leer aus. Das sorgte bereits für Frust bei uns Lehrern und infolgedessen auch bei den Schülern der 12. Stufe.
Die Laune wurde nicht besser, als wir feststellten, daß die uns zugewiesenen Räume über keinen einzigen Computer verfügten. Wie hat sich der Organisator dieses Tages das eigentlich vorgestellt? Ich holte mir dann im Sekretariat einen Schlüssel für den Informatikraum und ging mit den Schülern dorthin. Auf diese Idee kam noch ein anderer Kollege. Zusammen versuchten wir dort dann, dem Arbeitsauftrag ein bißchen Struktur zu geben.
Es drängt sich mir der Eindruck auf, daß dieses Thema in seiner Nicht-Vorbereitung auch von einer falschen und blauäugigen Einstellung zum Thema Internet geprägt war. Warum war ausgerechnet dieses Thema als einziges nicht detailliert vorbereitet und ausgearbeitet worden? Mit dem Thema an sich kann man einen sehr erfolgreichen Lernmethodik-Tag bestreiten; es muß nur erstens entsprechend vorbereitet sein und zweitens auch die zur Verfügung stehende Infrastruktur (Computerzugang, Bibliotheken usw.) berücksichtigt werden. Gerade im Hinblick auf Bücher und Zeitschriften sahen die Recherche-Möglichkeiten noch düsterer aus.
Was die Infrastruktur angeht, war ich übrigens froh, daß der Kollege auf die gleiche Idee gekommen war, den Informatikraum zu nutzen. Er unterrichtet auch Informatik und kannte die Einrichtung. Ich hatte den Schülern lediglich den Raum aufgeschlossen und sie an die Rechner gelassen (das ist ja irgendwie auch schon wieder eine merkwürdige Sache, daß das so einfach möglich ist ohne eine vorherige Einweisung). Der Kollege zeigte mir, daß es ein Programm gibt, mit dem man vom Lehrer-Rechner aus die Aktivitäten auf den Schüler-Rechnern beobachten kann. Das war dann auch durchaus angebracht. Zwei Schüler spielten Counterstrike, während die anderen recherchierten. Das hat der Kollege dann dokumentiert und unterbunden.
Als ich später mit dem Chef-Informatiklehrer darüber sprach, war dieser sehr erbost, daß wir die Delinquenten nicht gleich zum Schulleiter geschickt hatten. Gerade Counterstrike und ähnliche Spiele würden sehr viel strenger geahndet als z. B. Schach oder Tetris. Dies geschehe im Hinblick auf Amokläufe und Killerspiel-Diskussionen. Hmm. Naja. Das ist in meinen Augen eine ganz andere Baustelle; und ob man damit auf diese Art umgehen soll, das weiß ich auch nicht. Ich fand es eigentlich viel gravierender, daß die Schüler die Spieldateien auf dem Schulserver abgelegt hatten und von dort starteten.
Wie auch immer: Es zeigte sich, daß es da sowohl in technischer als auch in pädagogischer Hinsicht große Schwachstellen im System gibt. Warum ist es überhaupt möglich, daß die Schüler Programme auf dem Schulserver ablegen können? Wenn es entsprechend strenge Richtlinien gibt, wie mit „Killerspielern“ verfahren werden soll, warum wissen das nicht zumindest alle Informatiklehrer?
Umgekehrt konnten die Schüler von den Schulrechnern aus keine Wikipedia-Beiträge erstellen oder editieren. Die IP der Schule war seitens Wikipedia komplett geblockt. Vermutlich ist der Adreßbereich sehr vieler Schulen bei Wikipedia geblockt. Einige Schüler griffen dann per Handy auf Wikipedia zu (zwecks Recherche hatte mein Kollege Handys zugelassen; sind sonst an der Schule untersagt). Der eingestellte Artikel zu einem Jux-Thema wurde innerhalb von Minuten gelöscht; auf Stupipedia hatte er dann erst einmal Bestand.
Ach so, Wikipedia-Bashing: Es gibt doch bereits einen Artikel zu unserer Schule auf Wikipedia. Er ist etwas mager, aber was ich interessanter fand, war der Umstand, daß es dazu tatsächlich bereits eine Löschdiskussion gegeben hatte. Grund der beantragten (aber nicht durchgeführten) Löschung: Relevanz.
Das Überwachungsprogramm im Informatikraum scheint mir übrigens einige Schwachstellen zu haben. Einige der überwachten Schülercomputer „verschwanden“ während des Vormittags vom Lehrer-Bildschirm, und knapp die Hälfte wurde gar nicht erst angezeigt. Dieses Problem bekam der Kollege auch nicht gelöst.
Abwesenheit und Vetretungsaufgaben
4. Februar 2010
Im Beitrag „Abwesenheit (und weitere Gedanken)“ hatte ich schon erwähnt, daß ich für die Kollegen, die mich vertreten sollten, Aufgaben vorbereitet hatte. Normalerweise sieht das so aus, daß der Fachlehrer dem vertretenden Kollegen einen Zettel mit Aufgaben hinterläßt (meist: „Buch S. X, Aufg. X u. Z“), die die Schüler dann (selbständig) bearbeiten sollen. Oft nur Beschäftigungstherapie, aber deutlich sinnvoller als bloßes Hausaufgaben-machen-lassen.
Ich hatte mir mehrere Aufgaben ausgedacht, die teilweise die vergangenen Stunden wiederholen sollten, teilweise aber auch schon eine Vorbereitung auf die kommenden Stunden darstellten. Für eine Doppelstunde Biologie in einer 5. Klasse war da relativ viel zusammengekommen.
Nun beschwerten sich die Schüler bei mir. Nicht über die Aufgaben an sich (die fanden sie teilweise sogar gut), sondern darüber, daß die Kollegin, die die Vertretung gemacht hatte, ihnen die Aufgaben nicht am Stück gegeben hatte, sondern sie erst die erste erledigen ließ, dannn erst mit der zweiten ‘rausrückte usw. So waren die Schüler die ganze Zeit beschäftigt und bekamen nach und nach die Aufgaben. Die Schüler fanden das doof.
Ich fand diese Vorgehensweise gar nicht schlecht.
Unterfordert?
3. Februar 2010
Mir ist da heute gleich zweimal etwas aufgefallen: einmal im Unterricht und dann soeben beim Beitrag „Notengebung“: Es gibt ja einige Schüler, die eigentlich sehr gut sind, oder es zumindest sein könnten. Bei denen man dann annimmt, daß sie sich im Unterricht unterfordert fühlen und deswegen Unfug machen oder gar schlecht sind.
Ich empfinde das als eine zweischneidige Sache. Ich kann meinen Unterricht eben nicht auf jeden einzelnen Schüler abstimmen. Es bleiben zwangsläufig die schlechteren auf der Strecke, und die besten fühlen sich unterfordert. Solche unterforderten Einser-Kandidaten habe ich in fast jeder unterrichteten Klasse, und die meisten machen keine Probleme. Manchmal langweilen sie sich, manchmal amüsieren sie sich über ihre „dummen“ Mitschüler; viele sonnen sich in der Gewißheit, daß sie gut sind und der Lehrer sich den schlechteren zuwenden muß. Damit muß man als intelligenter und leicht lernender Schüler leben und umgehen können. Ein Grund dafür, nicht aufzupassen oder gar den Unterricht zu stören, ist das in meinen Augen nicht. Ich kann da die höhere Begabung nicht als Entschuldigung gelten lassen. Das ist meiner Meinung nach eine ganz andere Baustelle: es geht um das Sozialverhalten. Wenn man nicht in der Lage ist, sich auch bei geringen, nicht fordernden Ansprüchen ruhig zu verhalten und aufzupassen, dann hat man ein Problem mit dem eigenen Verhalten und nicht damit, daß man „zu schlau“ für die anderen und den gebotenen Unterricht ist.
Möglicherweise entspricht diese Auffassung so gar nicht der herrschenden pädagogischen Lehre (von der ich zu wenig weiß), aber so sehe ich das und damit auch die betreffenden Schüler etwas mehr in der Pflicht.
Notengebung
3. Februar 2010
So, das Halbjahr ist um. Zum ersten Mal habe ich Zeugnisnoten gegeben. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, und ich habe das nicht auf die leichte Schulter genommen. Als Lehrer eines Nebenfaches hatte ich keine Klassenarbeiten als Orientierung zur Verfügung. Andererseits habe ich (mit Ausnahme einer Klasse, wo es terminlich nicht mehr passte), in allen Klassen mindestens zwei Tests schreiben lassen. Diese Tests waren sehr hilfreich, wurde ich so doch auf einige eher etwas stille Schüler aufmerksam, die trotzdem eine gute Leistung brachten. Da konnte ich dann im Unterricht ‘mal gezielt einige Fragen stellen, deren Beantwortung dann den guten Eindruck des Tests bestätigte. Weiterhin gab es manchmal Überraschungen, weil einige Schüler, die im Unterricht nur Unfug machen (und oft nicht wissen, worum es gerade geht), unerwartet gute Tests geschrieben haben. Da musste ich dann sorgfältig unterscheiden: Einige scheinen wirklich sehr gut und im Unterricht eher unterfordert zu sein. Andere sind nur geschickt genug, woanders abzuschreiben. Die letztgenannten lassen sich in meinen Augen besonders schwer beurteilen, und da bin ich dann froh, wenn ich die Unterrichtsleistungen einigermaßen sicher heranziehen kann. Insgesamt haben sich die mutmaßlichen „Abschreiber“ dadurch doch Vorteile in der Benotung verschaffen können. Muß ich leider so feststellen.
Bemerkenswert fand ich, daß ich beim Eintragen der Zensuren und während der Zeugniskonferenz erfuhr, daß es bei vielen Schülern keine großen Unterschiede in den einzelnen Fächern gibt. Die meisten sind generell gut, mittelmäßig oder schlecht. Daß jemand in dem einen Fach gut und in dem anderen schlecht ist, gab es selten. Daher war ich auch etwas beruhigt, daß meine Benotung meist im üblichen Rahmen lag.
Dennoch bleibt ein leicht mulmiges Gefühl. So ganz sicher bin ich nicht, ob ich alle Schüler wirklich gerecht beurteilt habe. Bei einigen, die eher schlecht waren und zwischen zwei Noten standen, habe ich zwecks Motivation dann doch die bessere Note gegeben und nur in schweren Fällen als Warnschuß die schlechtere gegeben. Mit den meisten Schülern hatte ich ja auch im Vorfeld schon gesprochen und ihnen ihren Leistungsstand und ihre absehbare Zeugnisnote mitgeteilt. Dabei gab es dann auch noch eindringliche Hinweise und Ermahnungen. Andere hatte ich wegen Klassenfahrt und anderer Umstände vor den Zeugniskonferenzen nicht mehr gesehen. Da gab es dann im Nachhinein doch Beschwerden.
Kai aus der 8. Klasse fragte mich, warum ich ihm in meinem zweiten Fach eine 5 gegeben hatte. Ich fragte erst einmal zurück, ob diese Frage ernst gemeint sei. Immerhin war der Test (den zweiten hatte er nicht mitgeschrieben) eine glatte und belegbare 5, und eine Mitarbeit im Unterricht war absolut nicht zu erkennen. Im Gegenteil: wenn nicht durch permanentes Gerede der Unterricht gestört wurde, kam auch auf Nachfrage kein Wissen, es wurden keine Hausaufgaben gemacht, und selbst zum Herausholen des Heftes und dem Mitschreiben des Unterrichtsinhaltes mußte ich Kai immer wieder mehrfach auffordern. Dennoch hat ihn die 5 überrascht, denn in den Vorjahren hatte er in diesem Fach eine 1. Sagte er mir nun jedenfalls, und wenn das tatsächlich stimmt, dann ist die Frage berechtigt, warum es nun solch einen Absturz gegeben hat.
Insgesamt habe ich (bei insgesamt neun Klassen in zehn unterrichteten Fächern) vier Fünfen vergeben. Die erscheinen mir alle gerechtfertigt und sind begründbar; aber gerne habe ich sie nicht gegeben. Andererseits gab es sehr viel mehr Einsen, und dazwischen gab es das ganze Spektrum.
Etwas bedauerlich finde ich, daß es keine Tendenzen in den Zeugnissen gibt; Plus oder Minus haben zwar dennoch viele Kollegen in die Zeugnismappen eingetragen aber im Zeugnis gibt es sie nicht. Dadurch ergibt sich in meinen Augen schon eine leicht ungerechte Benotung; denn zwischen einer guten und einer schlechten 3 besteht in meinen Augen schon ein Unterschied. Die sechsstufige deutsche Notengebung habe ich nun erstmalig als nicht ausreichend empfunden (aus Frankreich kenne ich das System mit 20 Punkten, was eine differenziertere Aussage zulässt, aber vielleicht doch etwas zu detailliert ist).
Merkwürdig fand ich, daß sich in der einen Klasse einige Schüler bitterlich über eine 3 beklagten, während in der Parallelklasse (bei vergleichbaren Leistungen) die Schüler nacheinander Freudensprünge machten, als sie erfuhren, daß sie eine 3 bekommen werden. Die sind manchmal schon merkwürdig, diese Schüler.
Ich bin froh, daß das nun erledigt ist, und habe für mich etwas gelernt: Ich muß meine Noten noch besser absichern, indem ich im Laufe des Halbjahres die Leistungen besser dokumentiere. Dazu gehören gründlichere Kontrollen der Hausaufgaben und idealerweise auch mehr Tests. Andererseits (weil die mündliche Leistung ja auch viel zählt) muß ich im Unterricht gezielt auch ‘mal die sich nicht meldenden Schüler drannehmen.
Diese Notengebung war wieder ‘mal einer der Punkte, bei denen ich mich sehr unsicher fühle, weil ich als nicht ausgebildeter Lehrer nicht weiß, ob ich das alles richtig mache. Vermutlich schon; aber es fehlt einfach das sichere Gefühl, hier eine Tätigkeit auszuüben, in der man ausgebildet ist, und die man beherrscht. Letzteres kommt hoffentlich noch.
Zum Wochenende (XIV)
30. Januar 2010
- „Villeicht sollten wir Erwachsene generell geduldiger sein, einsehen, dass Kinder nicht einfach Natural Born Nervensägen sind, sondern gar nicht anders können.“
- „Stattdessen wird mit funktionalen Argumenten erklärt, warum ein Lehrer (zumindest in Berlin) notfalls auch mal Schmerzen zufügen darf“
- „Es gab Zeiten, da hat Phorms seine hochfliegenden Pläne gern laut rausgeblasen: Innerhalb von zehn Jahren sollten 40 Schulen entstehen, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.“
- „Damals gehörte es zur Propaganda der Gebührenbefürworter, dass die Studiengebühren sozialverträglich sein und von einem entsprechenden Stipendienprogramm arrondiert werden müssten.“
- „Maximal, so die Forscher, lag die Gesamtzahl der damals lebenden Menschen bei 55.500.“
- „[…] die Machbarkeit neuer immergrüner Laubgehöze für Nordeuropa.“
- Hinweis: Um 18.01 Uhr werden dann alle Server weltweit heruntergefahren.
IT und Datensicherheit an der Schule
30. Januar 2010
Weil ich gestern das Thema schon angeschnitten habe, nun noch etwas ausführlicher dazu. Der Herr Biolehrer ist ja kein Fachmann auf diesem Gebiet. Aber er interessiert sich für so etwas, und da bekommt er manchmal das Grausen.
Zum Quartalsende im Herbst gab es für die neuen 5. Klassen Konferenzen. Jeder Schüler wurde besprochen (übrigens eine in meinen Augen sehr hilfreiche und sinnvolle Angelegenheit), und vorab sollte jeder Lehrer den derzeitigen (vorläufigen) Notenstand kundtun. Die Noten haben die Klassenlehrer vorher gesammelt und aufbereitet und wollten daher auch rechtzeitig die Noten haben. Der übliche Weg ist ja „das Fach“, die universelle Kommunikations- und Materialübergabe-Einrichtung im Lehrerzimmer. Einige Tage vor der Konferenz hatte also jeder in den 5. Klassen unterrichtende Lehrer eine Liste mit der Bitte um Noteneintrag und Rückgabe in seinem Fach liegen.
Dabei gab es kleine Unklarheiten und Pannen, und zwei der Klassenlehrer fragten bei mir am Abend vorher per E-Mail nach, ob ich ihnen die Notenliste noch einmal schnell per E-Mail schicken könne. Kein Problem, teilt mir kurz Euren öffentlichen PGP/GnuPG-Schlüssel mit. So etwas hatten die Kollegen nicht, sahen es auch nicht als notwendig an. Hallo? Ich soll persönliche und sensible Daten der Schüler offen wie eine Postkarte durch’s Netz schicken?
(Wie so etwas in Hessen gehandhabt wird: Beitrag von Herrn Rau sowie Hinweise im „Pädagogischen Untergrund“.)
Die zwei Uralt-PC im Lehrerzimmer hatte ich ja gestern schon erwähnt. Als nun zum Halbjahresende die Noteneingabe für die Zeugnisse anstand, kamen wir damit nicht mehr ins Netz. Als ich ‘mal nachfragte warum nicht, antwortete man mir: „Wegen der Hacker unter den Schülern.“
Die Kollegen hatten also ernsthaft Angst, daß findige Schüler ins System eindringen könnten und die Noten vorab ausspähen und ggf. ändern könnten. Gleichzeitig bestand aber auch die Möglichkeit (weil die beiden Rechner gegen Ende der Zeit ja starkem Andrang ausgesetzt waren), die Notenlisten zuhause in die Datei einzugeben und diese dann per E-Mail zurückzuschicken. Die Dateien und das dazugehörige Datenbankprogramm wurden per E-Mail an alle Lehrer verschickt. Ich bin übrigens der einzige im E-Mail-Verteiler mit eigener Domain-Adresse; alle anderen, selbst der Schulleiter, haben Adressen bei Freemailern wie z. B. GMX. Weder gibt es für die Lehrer eine dienstliche E-Mail-Adresse mit der schuleigenen Domain (eine eigene Domain für ihre Website hat die Schule nämlich), noch gibt es eine Möglichkeit, diese Daten verschlüsselt zu senden.
Das paßt alles nicht zusammen; und am mekwürdigsten fand ich, daß die Lehrer selbst nach meinem Hinweis nicht einsehen wollten, daß da einseitige Vorsichtsmaßnahmen betrieben wurden.
Und noch eine Anekdote:
Im Lehrerzimmer steht ein neuer Panzerschrank für Laptops und anderes teures IT-Zeugs für Unterrichtszwecke. In der Lehrerkonferenz stellte der zuständige Kollege den Schrank vor und teilte die Zahlenkombination für das Sicherheitsschloß mit. „Diese Kombination ist einfach zu merken; sie wird nirgendwo aufgeschrieben!“ mahnte er.
Einge Tage drauf fand ich in meinem Fach das Protokoll der Konferenz. Unter dem TOP „Neuer Sicherheitsschrank im Lehrerzimmer“ hatte der protokollierende Kollege auch ganz ordentlich die Kombination aufgeführt. Der Brüller kam dann bei der nächsten Konferenz, als dieses Protokoll kritisiert wurde. Da führte der Schulleiter doch glatt das Konferenzgeheimnis an.
Es gibt mehrere „Medieneinheiten“ an der Schule: kompakte Wagen mit Laptop und Beamer, die man in die Unterrichtsräume rollen kann, um dort damit etwas vorzuführen. Ich führe damit z. B. Filme vor. Als ich kürzlich in der 9. Klasse einen Film gezeigt habe und mich beim Systemstart anmelden mußte, bemerkte ein Schüler:
Das Kennwort ist bestimmt „Lehrer“ oder „[Benutzername]“.
Er hatte recht. Es ist der Benutzername.
Abwesenheit (und weitere Gedanken)
29. Januar 2010
Da ich noch ‘mal in meinem ursprünglichen Beruf etwas gestemmt habe, war ich die letzte Zeit sehr eingespannt und habe auch einen Tag in der Schule gefehlt. Natürlich nicht, ohne rechtzeitig Sonderurlaub zu beantragen und auch für die mich vertretenden Lehrer etwas vorzubereiten. Da ich an diesem Tag sechs Stunden Unterricht gehabt hätte, war das nicht wenig; und ich mußte feststellen, daß die Vorbereitung für die Vertretung mich mehr Zeit kostete als die Vorbereitung meines eigenen Unterrichts. Auch ein Arbeitsblatt will durchdacht sein, wenn es zu meiner Unterrichtsreihe passen und nicht bloße Beschäftigungstherapie sein soll.
Für vier der sechs Stunden hatte ich dann also bis zum Tag vor meiner Abwesenheit etwas vorbereitet und auch den Vertretungslehrern schon mitgegeben (die standen glücklicherweise frühzeitig fest). Für zwei Stunden, die ich eine Klasse in meinem zweiten Fach unterrichte, fiel mir jedoch nichts Anständiges ein, weil ich da gerade das eine Thema abgeschlossen und das neue noch nicht begonnen habe.
Ich fragte also den ersten Kollegen, ob es zumutbar sei, daß er sich selbst etwas ausdenke, was er mit der Klasse machen wolle. Kein Problem, das war zum Glück unkompliziert. Der zweite Kollege zierte sich. Er habe die Klasse sonst nicht, kenne nur drei Schüler daraus und habe auch nichts passendes. Ich sagte also zu, mir noch etwas auszudenken, setzte mich zuhause noch einmal an die Arbeit und entwarf ein Aufgabenschema, mit dem das Thema der letzten Wochen noch einmal wiederholt und überprüft wurde. Ich schickte es dem Kollegen spätabends noch per E-Mail zu und hatte das beruhigende Gefühl, trotz allem Stress noch meinen Pflichten nachgekommen zu sein.
Am nächsten Nachmittag, als ich aus der Universität zurück war, erhielt ich dann eine E-Mail des Kollegen: Er hatte meine Aufgaben-Mail gerade erst gesehen; das sei nun schiefgegangen, er habe der Klasse einfach etwas diktiert.
Warum frustriert mich das so?
Ich habe (mir sehr kostbare!) Zeit und Kraft geopfert, um noch etwas Sinnvolles zu arrangieren; daß der Kollege noch Aufgaben von mir bekommen würde, war abgesprochen — und dann eine totale Nulleistung für die Klasse, weil das E-Mail-Postfach nicht mehr kontrolliert wurde.
Ganz anders an der Universität, wo ich an dem Tag einen Vortrag halten sollte. Diesen Vortrag hatte ich dem Professor morgens um neun Uhr gemailt, und als ich kurz nach elf bei ihm ankam, hatte er ihn schon durchgesehen. An der Universität beginnt ein Arbeitstag meist mit der Kontrolle des Postfaches. Daß dies der Lehrer-Kollege an der Schule nicht tat, kann ich ihm nicht vorwerfen. Ich kontrolliere morgens früh vor dem Weg zum Bahnhof meine Mails ja auch nicht; und morgens in der Schule erst recht nicht. Es ist ja mehr oder weniger so, daß man an der Schule eigentlich gar keinen Arbeitsplatz hat! Man ist dort angestellt, hat also eine Arbeitsstelle, aber ein richtiger Arbeitsplatz fehlt. Diese endlosen Diskussionen um die steuerliche Stellung des häuslichen Arbeitszimmers sind doch ein schlechter Witz: die Regelung wäre doch auch bei voller Absetzbarkeit eine einzige Zumutung. Warum muß man überhaupt zuhause arbeiten? Warum muß ich sensible Unterlagen und Daten quer durch die Gegend zu mir nach Hause und wieder an die Arbeitsstelle transportieren? Ich mag diesen nachlässigen Umgang mit fremden Daten nicht. Wenn ich nach Hause komme, möchte ich dort privat sein und nicht noch arbeiten müssen; ich bin kein Schüler und kein Student mehr. Selbst unsere Schüler werden derzeit nach und nach auf den Ganztagsbetrieb umgestellt; und es soll von ihnen nur noch wenig zuhause gemacht werden.
Ich stelle immer wieder fest, daß einige Lehrer ihre Korrekturen im Lehrerzimmer erledigen. Auch ich bereite mich lieber in der Schule vor, wo ich das Material zur Hand habe. Auch korrigiere ich lieber in der Schule, damit ich die ganzen Unterlagen nicht immer hin und her transportieren muß. Im Lehrerzimmer ist das aber immer etwas schwierig. Dort fehlen mir auch weitere Unterlagen, Literatur, … und — ein anständiger Computer (da bin ich auch gar nicht so anspruchsvoll) mit Internet-Anschluß.
Im Lehrerzimmer stehen zwei Computer, zwei „echte“ Desktop-Rechner im ursprünglichen Sinne (also kein Tower auf dem Boden, sondern ein surrender Kasten auf dem Schreibtisch, auf dem dann noch der alte flackernde Röhren-Monitor platziert ist). Als ich auf der Rückseite der Geräte nach einem USB-Anschluß für meinen Stick suchte, entdeckte ich einen alten Inventar-Aufkleber: „Eigentum Polizeipräsidium [Name der Großstadt]“. Zwei uralte PC für 70 Lehrer sind etwas mager. Als nun jetzt die Noten für die Zeugnisse eingegeben werden mußten, waren die beiden Rechner erstens ständig belegt und zweitens für zwei Wochen komplett vom Internet getrennt.
Einige Lehrer kämpfen darum, je einen Ruhe- und einen Arbeitsraum für die Lehrer einrichten zu können. Das wird vom ganzen Kollegium und der Schulleitung unterstützt; aber es mangelt an Räumen. Außerdem glaube ich, daß sich noch niemand Gedanken darum gemacht hat, wie die Einrichtung dieser Räume finanziert werden soll.
Dieser eine Tag „Ausflug“ in meinen ursprünglichen Beruf hat mir nachträglich einigen Frust an der Schule bereitet. Eigentlich mag ich meine neue Tätigkeit. Ich bringe Leuten (auch kleinen und unreifen) gerne etwas bei. Die häufigen Klagen über die besondere Belastung von Lehrern mag ich bisher nicht teilen; vieles davon scheint mir speziell von den klischeebildenden Kollegen in die Welt gesetzt worden zu sein, bei denen ich oft denke, daß sie sowieso ihren Beruf verfehlt haben. Man kann darüber nachdenken, inwiefern dies bei mir der Fall ist. Ich war mit Leib und Seele Biologe und habe den Schuldienst als sinnvolle Alternative angesichts eines schwierigen Arbeitsmarktes gesehen. Ich bin dabei fachlich möglicherweise zu hoch qualifiziert, in didaktisch-pädagogischer Hinsicht dagegen mangelhaft bis gar nicht ausgebildet. Darüber will ich mich gar nicht so beschweren; aber es ist eigentlich bedenklich, und es zeigt wieder einmal, welchen Stellenwert seitens der Verantwortlichen (also der Politiker) dem Schulwesen und einer anständigen Bildung beigemessen werden.
Wenn ich mir das Gehalt ansehe, welches ein „richtiger“, also ausgebildeter Lehrer bekommt, welches ich als Biologe bekommen würde, und was ich nun an der Schule bekomme, dann stimmt das alles eben auch nicht und zeigt, warum das so gehandhabt wird.
Ja, ich bin etwas frustriert. Nein, ich werde mit meinem Blog-Eintrag daran nichts ändern können. Aber es wird Zeit, immer wieder und möglichst oft den Finger in die Wunde zu legen. Unser Land wird seit einigen Jahren systematisch vor die Wand gefahren. Und es wird Zeit, daß man die Augen öffnet.
Unser Fachbereich Biologie an der Schule hat einen Jahresetat von EUR 900,–. Ich habe kürzlich unserem Fachvorsitzendem EUR 140,– für ein Testkit für Schülerversuche aus dem Kreuz geleiert. Ich fand es gut, daß er mitgespielt hat. Ich fand es erschreckend, wie begrenzt unser Etat ist. Und ich fand es noch erschreckender, daß ein in der Großstadt ansässiges Chemie-Unternehmen die Schule jährlich mit einem mindestens fünfstelligen Betrag für Material sponsort. Unabhängige Schule? Unabhängige Bildung?
Passend zum Thema auch dieser Beitrag vom Teacher aus Österreich.
Daß er trotz Frust auch weiterhin gerne unterrichtet, daran zweifelt nicht im geringsten,
Ihr Herr Biolehrer
Zum Wochenende (XIII)
23. Januar 2010
Augenblicklich läuft der Betrieb hier etwas auf Sparflamme. Trotzdem allen Lesern ein schönes Wochenende und hier etwas zum Weiterlesen:
- „Das war ich nicht.“
- „Vielleicht war es damals einfach sexier, ein Bauer zu sein.“
- Dossier über die Menschheitsentwicklung
- „Über alle Arten hinweg gebe es eine erhebliche Vergrößerung der Bestände.“
- Nachtrag: “Now, a project not unlike Pokemon is underway – this time, to popularize the natural world.”
Disziplin (IV)
23. Januar 2010
Während der allmonatlichen Lehrerkonferenz ist es sehr unruhig. Immer wieder fangen einzelne Grüppchen von Lehrern an, miteinander zu reden, zu tuscheln und sich über dieses und jenes zu ereifern. Immer wieder mahnt der Schulleiter zur Ruhe.
Besonders viel bringen seine Bitten und Mahnungen nicht. Bis daß er richtig ausrastet und eine (sehr) laute und emotionale Standpauke hält. Ab da ist es dann einigermaßen ruhig im Kollegium.
Ich komme mir vor wie in einer Schulklasse.
Macht ‘mal …
20. Januar 2010
Eine Schlagzeile in der Lokalausgabe einer Boulevard-Zeitung in der Großstadt:
Wir machen [Name der Großstadt] zur Schönstadt!
Arbeitsauftrag
19. Januar 2010
Die Zeugniskonferenz naht, und die Klassenlehrer sind dabei, mithilfe des Klassenbuches Versäumnisse und Fehlstunden zu berechnen.
Etwas, ähm …, kreativ fand ich die Lösung eines Kollegen, damit eine Fünftkläßlerin zu beauftragen. Sie sollte das ‘mal so nebenbei im Unterricht machen. Das arme Mädchen saß dann bei mir in der Stunde und entzifferte mühsam die Einträge und rechnete die Zeiten zusammen.
Ich fand das eine etwas unangemessene Aufgabe.