Kommunales

6. März 2010

Während ich im Lehrer­zimmer Haus­auf­ga­ben durch­sehe, un­ter­hält man sich hin­ter mir über Kom­mu­nal­po­li­tik. Ir­gend­wann fällt der denk­wür­di­ge Satz:

Der [Großstädter] an sich ist bestechlich.
 

Nachhilfe und Kursen

26. Februar 2010

Diese Über­schrift las ich auf ei­nem Wer­be­zet­tel, der an der Straßen­bahn­hal­te­stelle an­ge­bracht war. Der da­run­ter­ste­hen­de Text hat­te ähn­li­che Qua­li­tät. Zu blöd, daß po­ten­tiel­len Kun­den das noch nicht ein­mal auf­fal­len wird.
 

Streikopfer

6. Februar 2010

Nachdem ich mit der Eisen­bahn in der Groß­stadt an­ge­kom­men war, er­fuhr ich über das Display an der Straßen­bahn­halte­stelle, daß die Ver­kehrs­be­triebe bis 06:30 Uhr ei­nem Warn­streik aus­ge­setzt wa­ren und die Straßen­bahnen da­her noch sehr un­re­gel­mäßig ver­kehr­ten. Nun gut, ich mußte erst zur zwei­ten Stun­de un­ter­rich­ten und war frü­her un­ter­wegs, weil ich für meine AG noch ei­ni­ge Blät­ter la­mi­nie­ren woll­te. Wie das so ist, wenn man einen aus­rei­chen­den Zeit­puf­fer hat, ging al­les glatt, und nach we­ni­gen Mi­nu­ten kam schon ei­ne Straßen­bahn und ich so­mit pünkt­lich zur er­sten Stun­de in der Schu­le an.

Einem Kollegen ging es da schlech­ter: Als ich das La­mi­nier­ge­rät auf­heiz­te, klin­gel­te das Te­le­fon. Das La­mi­nier­ge­rät steht im Büro des Leh­rers, der den Ver­tre­tungs­plan or­ga­ni­siert (also ne­ben der Schul­lei­tung einer der ganz we­ni­gen Leh­rer mit Büro, wes­we­gen das Gerät dort auch de­po­niert ist). „Nein, so ‘was. Das ist jetzt aber schlecht,“ sagte der Ver­tre­tungs­plan­leh­rer, „da kann ich jetzt nichts ma­chen. Ich ha­be nie­man­den mehr frei, kei­ner da.“ Ich mach­te eine fal­sche Be­we­gung mit mei­nen La­mi­nier­fo­lien. „Nein, war­te ‘mal, hier steht der Herr Bio­leh­rer ne­ben mir und scheint nichts zu tun zu ha­ben; war­te ‘mal … Herr Bio­leh­rer, du hast doch die er­ste Stun­de frei, kannst du in die 5. Klasse ge­hen, der Herr Deutsch­leh­rer kann nicht recht­zei­tig in die Schu­le kom­men; sei­ne Straßen­bahn fährt nicht.“  „Grummel­brummel, aber ich will doch la­mi­nie­ren …“  „Ach, was! Stell dich nicht so an; die Klas­se ist jetzt al­lei­ne. Geh da­hin und mach ‘was mit de­nen.“
Also Laminiergerät wieder aus­ge­stellt. Ich war et­was miß­mu­tig. Ich hat­te schon ein­mal in ei­ner 5. Klas­se völ­lig un­vor­be­rei­tet Ver­tre­tung ge­macht; und es war das to­ta­le Chaos ge­we­sen. Fie­ber­haft über­leg­te ich, was ich mit de­nen ma­chen könn­te. Wa­rum ei­gent­lich nicht mei­nen nor­ma­len Un­ter­richt? War diese Wo­che we­gen des Lern­metho­dik-Tags so­wie­so aus­ge­fal­len. Die Schü­ler hat­ten zwar nicht ihre Bio-Sa­chen da­bei, aber das war doch eher ein klei­nes Pro­blem. Ich ging also schnell in die Bio­lo­gie und hol­te dort eine „hal­be Rat­te“ und ei­ni­ge Kie­fer­kno­chen ab. Die „hal­be Rat­te“ ist eine prä­pa­rier­te Rat­te, bei der die eine Hälf­te wie bei ei­nem aus­ge­stopf­ten Tier den Kör­per mit Fell zeigt, die an­de­re Sei­te aber das Ske­lett dar­stellt. Solch ein Prä­pa­rat ha­ben wir auch von ei­nem Maul­wurf, und da­ran hat­te ich den Schü­lern be­reits die In­sek­ten­fres­ser er­klärt. Nun al­so die Na­ge­tie­re und die Un­ter­schie­de zu den In­sek­ten­fres­sern.

In der 5. Klasse an­ge­kom­men, war das Hallo groß. Ob der Herr Bio­leh­rer dort mehr Sym­pa­thie be­sitzt als der Herr Deutsch­leh­rer?
Wider Er­war­ten war der ver­tre­tungs­wei­se (und im Klas­sen­raum statt im Bio­raum) ab­ge­hal­te­ne Un­ter­richt ein vol­ler Er­folg. Die Schü­ler füg­ten sich oh­ne Mur­ren in die Stun­den­plan­än­de­rung, und in der ei­nen Stun­de schaff­ten wir fast so­viel Stoff wie sonst in mei­nen Dop­pel­stun­den. Das war wirklich er­staun­lich. Die ver­lo­re­ne Dop­pel­stun­de al­so gut wie­der auf­ge­holt.
Das versöhnte mich mit dem widerwillig über­nom­me­nen Ver­tre­tungs­un­ter­richt.

Meine AG-Blät­ter la­mi­nier­te ich dann in der Mit­tags­pau­se.
Als ich spät­nach­mittags um 17:00 Uhr wie­der nach Hau­se fah­ren woll­te, hat­ten die Ver­kehrs­be­trie­be sich im­mer noch nicht von dem Warn­streik er­holt. Der Fahr­plan war so rich­tig schön durch­ein­an­der, und am Bahn­hof fuhr mir da­durch mein Zug vor der Na­se weg. Wo war das Pro­blem, nach ei­nem um 06:30 be­en­de­ten Streik bis 17:00 wie­der den Fahr­plan ein­zu­hal­ten? Ich war heu­te schließ­lich auch fle­xi­bel ge­we­sen.

Macht ‘mal …

20. Januar 2010

Eine Schlagzeile in der Lokalausgabe einer Boulevard-Zeitung in der Großstadt:

Wir machen [Name der Großstadt] zur Schönstadt!

Es ist Winter

12. Januar 2010

Es ist Winter. Es hat geschneit. Mag in der Ge­gend, in der die Groß­stadt liegt, nicht in je­dem Jahr der Fall sein. Aber es ist um die­se Jah­res­zeit nicht et­was wirk­lich un­ge­wöhn­li­ches.

Unser Hausmeister re­agiert an­ge­mes­sen auf die Wet­ter­la­ge und den Schnee­fall: Er räumt und streut die wich­ti­gen We­ge: den Bür­ger­steig der Straße ent­lang des Schul­ge­län­des, die Zu­gän­ge zu den Ein­gangs­tü­ren und auf den Schul­hof so­wie die Ver­bin­dungs­we­ge zwi­schen den ein­zel­nen Ge­bäu­den. Park­plätze, der Pau­sen­hof und die zwei klei­nen „Ne­ben­hö­fe“ sind wei­ter­hin schnee­be­deckt.
Letzten Freitag hat unser Haus­mei­ster Streu­salz-Nach­schub bei der Stadt­ver­wal­tung be­stellt (un­se­re Schu­le ist eine städti­sche); un­ge­fähr die Men­ge, die er in der Wo­che ver­braucht hat­te. Die Ant­wort war zu­rück­wei­send: Das sei ja der kom­plet­te Jah­res­be­darf für eine Schu­le!

So ist sie, die Groß­stadt. Da wird ei­ner­seits aus Ko­sten­grün­den die La­ger­hal­tung re­du­ziert, an­de­rer­seits wird auf den öf­fent­li­chen We­gen und Plät­zen und den Straßen­bahn­hal­te­stel­len das Salz so aus­ge­bracht, daß große Placken grob­kör­ni­gen ro­sa Sal­zes wie mit der Schau­fel da­hin­ge­schmis­sen he­rum­lie­gen. Feucht­salz und spar­sa­me, flä­chi­ge Aus­brin­gung habe ich nicht be­ob­ach­ten kön­nen oder da­von ge­le­sen. Da­für ist schon seit Ta­gen zu le­sen, daß der Salz­vor­rat sehr knapp und fast auf­ge­braucht sei. Weil es ei­ne Wo­che lang kalt war.


In der Großstadt hat auch der öf­fent­lich-recht­li­che Rund­funk des Bun­des­lan­des sei­nen Sitz. Im Fern­seh­pro­gramm wur­de sen­sa­tions­lü­stern be­rich­tet, daß es an die­sem Wo­chen­en­de 1.500 Ver­kehrs­un­fäl­le ge­ge­ben ha­be. Wow.
Im Radio­pro­gramm der­sel­ben An­stalt kam der Hin­weis, daß dies die üb­li­che Wo­chen­end­quote sei.


Rindviecher!

7. Januar 2010

In der Großstadt hängen Pla­ka­te des lo­ka­len Ener­gie­ver­sor­gers, der da­mit Wer­bung macht, in der Re­gion ver­an­kert zu sein. Er illu­striert dies mit einer sti­li­sier­ten Land­schafts­an­sicht der Groß­stadt und ihres Um­lan­des. Pas­send zur „Sai­son“ ist das gan­ze Sze­na­rio win­ter­lich/weih­nacht­lich an­ge­haucht: Die Land­schaft ist schnee­be­deckt, in dem einen Dorf steht ein ge­schmück­ter Weih­nachts­baum, in dem an­de­ren ein Schnee­mann, und ne­ben der großen Kir­che in der Groß­stadt ste­hen ein Esel und eine Kuh.
Eine Kuh? Warum ein Esel und ei­ne Kuh? Soll evtl. auf die Ge­schich­te der Ge­burt Chri­sti an­ge­spielt wer­den? Dort sol­len, so wird seit dem Mit­tel­al­ter über­lie­fert, ein Och­se und ein Esel an­we­send ge­we­sen sein. Die Evan­ge­lien des Neu­en Te­sta­ments er­wäh­nen die­se Tiere zwar nicht, je­doch hat man dies wohl aus den Pro­phe­zei­un­gen Je­sa­jas (1,3) ent­nom­men:

Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk vernimmt’s nicht.

Falls im Rahmen der weih­nacht­li­chen Ge­stal­tung da­rauf Be­zug ge­nom­men wird, so ist dies ‘mal wieder ty­pisch für die Groß­städter: Kön­nen einen Och­sen nicht von einer Kuh un­ter­schei­den.

Ja, der Herr Biolehrer ist ein elen­der Klug­scheißer und Bes­ser­wis­ser.

Ampelärger

3. Dezember 2009

Es gibt da in der Nähe der Schule zwei Am­pel­anla­gen in der Groß­stadt, über die ich mich je­den Tag er­neut sehr är­ge­re.

Die eine Ampel sichert blockiert eine re­la­tiv klei­ne T-Kreu­zung in di­rek­ter Nä­he der Schu­le (30-Zo­ne). Einer kur­zen Grün­phase für die Fuß­gän­ger folgt eine sich end­los hin­zie­hen­de Rot­phase: Alle drei Fahrt­rich­tun­gen be­kom­men nach­ein­an­der Grün, be­vor dann end­lich die Fuß­gän­ger wie­der dran sind. Nach­ein­an­der, da­mit sich der Ab­biege­ver­kehr nicht in die Que­re kommt! In an­de­ren Städ­ten wis­sen die Au­to­fah­rer, daß man beim Ab­biegen den ge­ra­de­aus fah­ren­den Fahr­zeu­gen so­wie den Fuß­gän­gern Vor­rang ein­räu­men muß; in der Groß­stadt scheint das wohl zu an­spruchs­voll zu sein. Da­rü­ber­hin­aus sind die Pha­sen nach mei­nem Em­pfin­den deut­lich zu lang ein­ge­stellt (auch als Au­to­fah­rer habe ich mich über diese Am­pel schon ge­är­gert). Als ob das alles nicht schon reicht, ist die­se Am­pel nicht ver­kehrs­ab­hän­gig: we­der be­fin­den sich Kon­takt­schlei­fen in der Fahr­bahn, noch gibt es Knöp­fe, mit de­nen Fuß­gän­ger Grün an­for­dern könn­ten. Re­sul­tat die­ser Schal­tung ist je­den­falls, daß man als Fuß­gän­ger an die­ser Kreu­zung un­er­träg­lich lan­ge war­ten muß. Das tun na­tür­lich nicht al­le Schü­ler, und ei­gent­lich müss­te ich sie al­le zu­recht­pfei­fen. Weil sie näm­lich auf dem Schul­weg über die Schu­le ver­si­chert sind, un­ter­lie­gen sie auch auf dem Schul­weg der Auf­sicht durch die Leh­rer und sind wei­sungs­ge­bun­den. Dum­mer­wei­se ken­ne ich bei wei­tem noch nicht al­le Schü­ler un­se­rer Schu­le, son­dern nur die von mir un­ter­rich­te­ten. Außer­dem liegt in der Nä­he noch ei­ne an­de­re Schu­le. Ich weiß al­so oft nicht, ob ich da nun zu­stän­dig bin; und je­den be­lie­bi­gen jun­gen Men­schen an­zu­ma­chen, wenn er ‘mal zu früh los­geht, ist mir auch zu doof.

Die andere Ampel be­fin­det sich an ei­ner Kreu­zung mit der durch den Stadt­teil füh­ren­den Haupt­ver­kehrs­straße. Drei­spu­rig in jede Fahrt­rich­tung, und ne­ben der Straße ver­läuft die Straßen­bahn; die Hal­te­stel­le be­fin­det sich hin­ter der Kreu­zung (von der Schu­le aus ge­se­hen). Wenn die Straßen­bahn naht, möch­te man als Fuß­gän­ger na­tür­lich die­se schnell noch er­rei­chen; blö­der­wei­se liegt die Hal­te­stel­le aber eben hin­ter der Kreu­zung. Be­herz­tes Los­lau­fen ist ge­fähr­lich, denn so­bald die Straßen­bahn sich nä­hert, schal­tet die Fuß­gän­ger­ampel auf Rot, und der sechs­spu­ri­ge Ver­kehr be­kommt Grün. Was ich an­fangs Mur­phys Ge­setz zu­schrieb, er­wies sich als be­ab­sich­tigt: Man möch­te ver­hin­dern, daß der Quer­ver­kehr die Straßen­bahn auf­hält und schal­tet da­her die­sen auf Rot, so­bald die Straßen­bahn kommt. Der zur Bahn paral­lel lau­fen­de Ver­kehr der Haupt­straße be­kommt dann Grün.
Auch dies führt (neben re­gel­mäßi­gen in­ne­ren Wut­anfäl­len und Frust, weil man nun mög­li­cher­wei­se auch am Bahn­hof den Zug ver­paßt) im­mer wie­der zu ge­fähr­li­chen Si­tua­tio­nen, weil ei­ni­ge Leute trotz­dem ver­zwei­felt die Straßen­bahn zu er­rei­chen ver­su­chen, und da­bei auch bei Rot über die stark be­fah­re­ne Straße lau­fen.
Dieses Problem ließe sich leicht lö­sen, wenn man beim Na­hen der Straßen­bahn den kom­plet­ten Au­to­ver­kehr an­hal­ten und die Fuß­gän­ger­über­we­ge in al­len Rich­tun­gen auf Grün schal­ten wür­de. Sol­che Schal­tun­gen habe ich übri­gens in den Nie­der­lan­den schon häu­fi­ger er­lebt, und sie sind sehr an­ge­nehm. Aber wo kä­me die Groß­stadt denn hin, wenn sie al­le Au­tos an­hal­ten wür­de?

Schlechtes Zeugnis

22. Oktober 2009

Seit zwei Wochen ziert dieses gedruckte Schild die Rolltreppe an der Straßen­bahn­halte­stelle:

ACHTUNG
Fahrtreppe zurzeit außer Betrieb!
Wir sind bemüht, die Störung schnellst­möglich zu beheben.
Wir danken für Ihr Verständnis!

Kann man sich selbst ein schlechteres Arbeitszeugnis ausstellen?

Sprachverhunzung (III)

21. Oktober 2009

Allseitig die zwei größten Wörter auf dem Lieferwagen:

Grosshandel/Vertriebsgeselschaft

Wenn man einen Transporter schon professionell beschriften lässt (gutes Design, passende Schriftart, handwerklich saubere Beklebung), warum kann dann nicht noch kurz jemand mit Recht­schreib­kennt­nissen einmal einen Blick auf den Ent­wurf wagen?

Sprachverhunzung (II)

5. Oktober 2009

Eigentlich kenne ich diesen Spruchbaustein schon länger. Und in der Kate­gorie „Die Groß­stadt“ ist der Beitrag auch nicht so ganz passend auf­ge­hoben. Die DB kann es nämlich auch gut:

Aufgrund von Störungen im Betriebs­ablauf hat Zug X von A nach B über C, D, E so­und­soviel Minuten Ver­spä­tung.

Für mich ist die Vers­pä­tung eine „Stö­rung des Betriebs­ablaufs“ und das eine nicht die Er­klä­rung für das andere.

Sprachverhunzung

30. September 2009

Anzeige des Displays an der Straßenbahn­haltestelle:

Ein technischer Defekt verhindert die Pünktlich­keit der Bahn­fahrten um 10 Minuten.

Leider kenne ich noch keinen Deutsch­lehrer so gut, daß ich mich mit ihm gemein­sam darüber er­eifern könnte.

Autofrei

25. September 2009

In der Großstadt findet demnächst auf einer großen Haupt­verkehrs­straße ein auto­freier Tag statt. In den Straßen­bahnen werben die Verkehrs­betriebe dafür — mit dem Foto eines Autos …

Rotz am Ärmel

18. September 2009

So schwer es mir fällt: Ich muß die Großstadt auch ‘mal loben.

Vor Beginn des Schul­jahres füllten Speku­lationen über eine Ver­län­gerung der Sommer­ferien das lokal­journa­listische Sommer­loch. Ein miß­lungener Pandemie­plan der WHO, geschäftliche Inter­essen der Pharma­industrie sowie die Sensationsgier von Presse, Rund­funk und Fern­sehen sorgten für den Ausbruch der Mediengrippe. Die Schul­behör­den der Großstadt wurden jedoch nicht infiziert, und so nahm das Schul­jahr einen angemessen unaufgeregten Anfang. Ein Fernsehteam wollte (und durfte nicht) einen Biolehrer mit Infektions­hinweisen im Unterricht filmen. Ich selbst sprach in meinem Unter­richt mit den Schülern kurz über das Thema, und die Schüler zeigten sich erstaunlich gut informiert. Der medialen Panik­mache begeg­neten sie sachlich und auf­ge­klärt; da gab es für mich nicht viel zu tun. Die Schul­behörde sorgte für DIN-A4-große Info­blätter, die auf einer Seite die wichtigsten Hinweise und Ver­haltens­rat­schläge in sachlichem Stil vermitteln. Einige Klassen­lehrer haben das in ihren Klassenräumen aufge­hägt. Ein Schüler ist erkrankt, und im Lehrer­zimmer weist ein Aushang darauf hin. Es wird das richtige und wichtige getan; und mehr zum Glück auch nicht.

Nun bekomme ich aus einer anderen (Groß?-)Stadt Post. Ich bin noch im E-Mail-Verteiler der Univer­sität eingetragen, und über diesen verschickte die Uni­versitäts­ver­waltung das Infor­mations­schreiben des Betriebs­ärztes (= Angestellter einer über­regionalen Gesundheits­firma). Was für ein mieses Pamphlet! Hier einige Auszüge aus dem dreiseitigen Schreiben:

Die Welt­gesund­heits­organisation (WHO) hat am 11.06.2009 die Schweine­grippe („Neue Grippe“, „Neue Influenza A/H1N1“) zur Pandemie erklärt. Diese Stufe wurde aus­gerufen, da es zu zu­nehmen­den und an­halten­den Über­tragungen in der Allgemein­bevöl­kerung gekommen ist.
Diese Stufe ist unabhängig von der Häufigkeit und der Schwere der Erk­rankung.

Auch wenn ich mich über „Allgemein­bevöl­kerung“ etwas wundere: Das ist soweit in Ordnung; vor allem der letzte Satz ist wichtig und hätte das alles relativieren können.

Was ist das Besondere an einem „Pandemie-Virus” im Vergleich zu den anderen „saisonalen“ Grippeviren?
Influenzaviren sind generell sehr variabel. Die Verän­derungen der Viren sind dabei relativ gering. Kommt es jedoch zu drastischen Ver­ände­rungen, z.B. durch einen Mix von menschli­chen und tierischen Influenza­viren oder der Anpassung eines tierischen Influenza­virus an den „Wirt“ Mensch, entsteht ein „Pandemie“-Virus. Gegen dieses Virus besteht meist keine Immunität in der Bevölkerung.

Das ist zweifacher Unfug. Eine Pandemie ist eine länder- und kontinent­über­greifende Aus­breitung einer (Infektions-)Krankheit; im Gegen­satz zur Epidemie ist eine Pandemie nicht örtlich beschränkt. Mit drastischen Veränderungen und Erbgut­mischungen hat das gar nichts zu tun. Das war hier außerdem der Fall und ist keine Seltenheit; gegen neue Erreger besteht übrigens immer keine Immunität, und das ist sogar (auch und gerade) bei der „normalen“ saisonalen Grippe der Fall.

Wenn dann noch die Krankheits­verläufe nicht wie bisher eher mild, sondern schwer verlaufen und die Ansteckungs­fähigkeit des Virus hoch ist, entstehen Pandemien mit sehr vielen Schwerkranken und vielen Todesfällen.

Ja, klar. Ist hier zwar alles mild, aber wenn …, dann … … Wir werden alle sterben!!!
Widerliche ärztliche Panikmache. Die normale saisonale Grippe fordert jährlich in Deutschland tausende Tote. (Im Winter 2002/2003 gab es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Deutschland 5 Millionen Infizierte und 16.000 bis 20.000 Todes­fälle, die auf eine Influenza zurück­zuführen waren.) Auf die „Schweine­grippe“ ist bis zum heutigen Tag in Deutsch­land kein einziger Todesfall zurück­zuführen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
Sog. Neuraminidasehemmer (z.B. Tamiflu) können die Krankheit abschwächen, sofern sie innerhalb von 48 Stunden nach Beginn der Symptomatik eingenommen werden. Die Medikamente sind rezept­pflichtig und dürfen nur nach Absprache mit einem Arzt ein­genommen werden.

Aber sicher. Innerhalb von 48 Stunden nach den ersten Symptomen hat man bereits einen Arzt aufgesucht und die Krankheit sicher diagnostiziert …

Schützt die jährliche Grippeschutzimpfung?
Die normale Grippeschutzimpfung schützt weder vor der Neuen Grippe (Schweinegrippe) noch vor der Vogelgrippe. Die Impfung ist trotzdem zu empfehlen, um:
• eine normale (saisonale) Influenza-Erkrankung als Ursache von Fieber und Anlass zu unnötiger Sorge und Diagnostik- und seuchen­hygienischer Maßnahmen zu vermeiden
• eine gleichzeitige Infektion mit menschlichen und tierischen Influenza-Viren und dadurch die Entwicklung weiterer pandemischer Viren zu verhindern.

Schützt zwar nicht, aber dennoch zu empfehlen? Der erste Punkt der Begründung ist ein sprachliches und gedankliches Meisterwerk. Dieser Betriebsarzt hat übrigens vor einigen Jahren anläßlich der Vogelgrippe generell allen Uni­ver­sitäts-Bedien­steten die Schutz­impfung empfohlen. Solche Impfungen für Leute, bei denen das völlig über­flüssig ist, haben dann dafür gesorgt, daß der Impfstoff für diejenigen knapp wurde, die ihn tatsächlich benötigten (alte und immun­suppressive Personen).

Verhalten bei einer Grippe-Pandemie
-> Abstand halten (am besten 2 Meter = 3 bis 4 Schritte) und kör­per­liche Kontakte vermeiden
-> Kein Husten oder Niesen in die Umgebung, sondern in ein Taschen­tuch oder den Ärmel

Dieser Arzt scheint einen ungewöhnlichen Arbeitsplatz auf dem Land zu haben und scheint weder das Stadt­leben noch den Uni­ver­sitäts­betrieb zu kennen. 2 Meter Abstand halten, kein Problem! Und die Empfehlung, in den Ärmel zu niesen habe ich ich bisher für eine schlechte Idee des Boulevard­fernsehens gehalten; daß allen Ernstes ein Medi­ziner empfiehlt, daß man dann den rest­lichen Tag mit einer Virenschleuder im Ellen­bogen herumläuft, ist echt die Krönung. Immer schön Abstand halten …

War ein langer Eintrag, aber über so etwas rege ich mich wirklich auf.

Dunkle Ecken im Untergrund

3. September 2009

Mit dem Zug in die Großstadt kommend, steige ich am Bahnhof in die Straßenbahn um und muß dabei ein unterirdisches Gangsystem mit Ladenzeilen, Geschäftsstellen und schlechtem U-Bahn-Flair passieren. Vor einer der Geschäftsstellen lungern regelmäßig drei bis sieben Gestalten herum, oft mit Hund. Der Hund trägt Maulkorb und macht einen gefährlichen Eindruck, sieht aber gepflegter aus als seine oft unrasierten, fetthaarigen, kettenrauchenden und irgendwie ungesund aussehenden menschlichen Begleiter. Sie sind die einzigen Leute, die mir dort im Untergrund Unbehagen bereiten könnten. Vermutlich lassen sie sich aber nicht von dort vertreiben. Sie machen sich mit schlecht sitzender uniformähnlicher Bekleidung wichtig und sind das Personal des Wachdienstes.

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